Strukturwandel der Arbeiterklasse

Strukturwandel der Arbeiterklasse

Tiefgreifende Veränderungen und Handlungsfähigkeit (Teil 1)

Von Werner Seppmann

 

Entgegen anderslautenden Behauptungen ist die Arbeiterklasse nicht verschwunden. Jedoch war sie in den letzten Jahrzehnten tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Ihre industriellen “Kerne” sind “abgeschmolzen” und die Beschäftigungsstruktur hat sich vielfältig aufgegliedert. Durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen hat auch eine Erweiterung der Lohnabhängigenklasse stattgefunden, die gleichzeitig Ausdruck der kapitalistischen Durchdringung immer weiterer Lebensbereiche ist. Trotz der leichtfertigen Rede vom “Ende der Arbeitsgesellschaft” und trotz bestehender Massenarbeitslosigkeit ist die BRD eine Gesellschaft der abhängig Arbeitenden, denen fast 40 Millionen Beschäftigungsverhältnisse zur Verfügung stehen. Jedoch sind diese Arbeitsplätze (über den formalen Aspekt ihrer Qualifikationsanforderungen hinaus) von sehr unterschiedlichem Charakter und finanzieller Auskömmlichkeit.

Kernstruktur

Es ist immer noch sinnvoll zu betonen, dass die Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter sich im Kern aus den produktiv Beschäftigten zusammensetzt, jedoch ist zu berücksichtigen, dass das Spektrum der produktiven Tätigkeiten einem historischen Wandel unterworfen ist. Darauf hat schon Marx im “Kapital” hingewiesen: “Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen.”

Auch viele “Dienstleitungen” sind der materiellen Produktion als der dominierenden Tätigkeitsform auch im Gegenwartskapitalismus zugeordnet. Sie dienen zu großen Teilen dazu, die Produktivität der unmittelbaren Produzenten zu erhalten und zu erhöhen. Vieles, was heute mit der Dienstleistungs-Kategorie belegt wird, wurde in der Vergangenheit fraglos der Produktion zugerechnet. Zu diesen “Dienstleistungen” gehören mittlerweile fast alle ausgelagerten Tätigkeiten, bei denen die gleiche (produktionsbezogene) Arbeit zu geringeren Löhnen und mit höherem Leistungsdruck geleistet werden muss. So wird, um ein konkretes Beispiel zu nennen, die ausgelagerte Lagerhaltung zu einem Dienstleistungsbereich, der statistisch (und in etlichen soziologischen Oberseminaren) so behandelt wird, als ob er so gut wie gar nichts mehr mit den Produktionsvorgängen zu tun hätte.

Dennoch: Würde die Arbeiterklasse theoretisch auf ihre industrielle Kernstruktur reduziert, besäße die Rede von ihrer Bedeutungsabnahme tatsächlich eine gewisse Plausibilität, denn der Anteil der Industriearbeiter an den abhängig Beschäftigten verringert sich kontinuierlich. Die Zahl der im Fertigungsprozess unmittelbar auf die Veränderung ihres Arbeitsgegenstandes einwirkenden (und somit die eigentliche Industriearbeiterklasse repräsentierenden) Beschäftigten hat sich auf knapp 13 Millionen verringert. In dieser Zahl drückt sich ein langfristiger Wandel aus: Während im Nachkriegsboom der Anteil der industriell Beschäftigten von 40 auf 50 Prozent wuchs, beträgt er gegenwärtig knapp 35 Prozent.

Jedoch sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Zwar dokumentieren die statistischen Reihen die prinzipiellen Veränderungstendenzen des Industriekapitalismus, jedoch berücksichtigen sie nicht die Gesamtheit und Komplexität der strukturellen Umgestaltungen und die Bedeutungszunahme neuer Sektoren mit Produktionscharakter. Als verarbeitende Tätigkeit wird beispielsweise die Herstellung eines Computers (“Hardware”) gewertet, seine Programmierung (also die Entwicklung der “Software”), die ihn letztlich in einen gebrauchsfertigen Zustand versetzt, wird statistisch als “Beschäftigung im Dienstleistungsbereich” gezählt. In diesem Sinne haben in den entwickelten Industrieländern zwei Drittel aller Arbeitsplätze einen produktionsbezogenen Charakter!

Lohnabhängigenklasse

Alternativ zur theoretischen Konzentration auf die industriekapitalistischen Kernbereiche ist versucht worden, die Arbeiterklasse sehr weit zu fassen. Die IMFS-Klassenstudien aus den 70er Jahren (die auf das Gesellschaftsverständnis der DKP großen Einfluss hatten) kamen auf einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von über 72 Prozent. Erfasst wurden damit alle Lohnabhängigen, deren soziale Existenz durch den objektiven Gegensatz zum Kapital geprägt und deren sozialer Status wesentlich durch das Lohnarbeitsverhältnis gekennzeichnet ist. Lohnabhängigkeit ist eine Existenzform, die von den Wechselfällen der Kapitalverwertung abhängig ist und (strukturell betrachtet) einen kollektiven Charakter besitzt.

Den arbeitsrechtlichen Abhängigkeitsstatus zugrunde gelegt, können gegenwärtig fast 90 Prozent der Beschäftigten in der Bundesrepublik als Angehörige einer “Lohnabhängigenklasse” angesehen werden. Ein solcher Blickwinkel bleibt jedoch theoretisch problematisch, weil diese weit gefasste Klasse vielfältige Differenzierungsmomente aufweist, auch jene abhängig Beschäftigten umfasst, die der herrschenden Klasse unmittelbar zuarbeiten und selbst dem herrschenden Block zuzurechnen sind. Selbst wenn diese Segmente herausgerechnet werden, umfasst die Lohnabhängigenklasse Hochofenarbeiter und Krankenschwestern, Kraftfahrer und Verwaltungsangestellte, Verkäuferinnen und Industrietechniker, Sozialarbeiter und Briefträger, Werbetexter und Automationstechniker, jedoch auch Piloten und Orchestermusiker. Letztlich behindert ein zu weiter Klassenbegriff das Verständnis für jene Segmente, die einen Grundbestand organisationsfähiger gemeinsamer Interessen gegenüber dem Kapital besitzen.

Handlungsfähigkeit

Aber exakt dies ist die klassentheoretische Hauptaufgabe: Möglichst präzise den strukturell handlungsrelevanten Kern der abhängig Beschäftigten zu benennen. Das kann nur auf der Basis eines realistischen Verständnisses der gesellschaftlichen Umstrukturierungen gelingen. So gehört eine Krankenschwester zwar nicht zur traditionellen Arbeiterklasse, jedoch ist sie als Mitglied der Lohnabhängigenklasse in größeren Betriebseinheiten ebenso in einem hohen Maße aktionsfähig wie die Mitarbeiter der Müllabfuhr oder die Beschäftigten der Nahverkehrsunternehmen.

Solange kein anderer tragfähiger Begriff zur Verfügung steht (entsprechende Vorschläge sind sehr willkommen!), ist es vielleicht sinnvoll, hinsichtlich der strukturell handlungsrelevanten Segmente abhängiger Beschäftigung (abgekürzt) vom Kern der Lohnabhängigenklasse zu sprechen. In diesem Begriff sind die Industriearbeiter (die traditionell als Klassenkern angesehen werden) eingeschlossen, die übrigen Klassensegmente jedoch nur, insofern die Struktur ihrer Arbeitsplätze sich industriellen Standards annähert bzw. ihre Arbeitssituation durch ein Mindestmaß an Kollektivität geprägt ist.

Differenzierungsprozesse

Zunächst muss jedoch bei jeder theoretischen Beschäftigung mit der Arbeiter- bzw. der Lohnabhängigenklasse heute die Tatsache berücksichtigt werden, dass die gesellschaftliche Verallgemeinerung der Lohnarbeit mit einer Differenzierung, ja man muss sogar sagen Aufsplitterung ihrer Erscheinungsformen (mit tiefgreifenden Konsequenzen für das Erkennen gemeinsamer Interessen) einhergeht. Die Arbeiterklasse gliedert sich auf: Ihre Mitglieder sind (zusätzlich zu traditionellen Unterscheidungen, etwa zwischen produktiv und organisierend Tätigen, oder zwischen qualifizierter und angelernter Beschäftigung) verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt mit unterschiedlichen Rechts- und Entlohnungsformen, differenzierten Standards der sozialen Absicherung und Perspektiven der Beschäftigungskontinuität zugeordnet – immer öfter auch dann, wenn sie vergleichbare Tätigkeiten verrichten und über weitgehend identische Qualifikationen verfügen.

Ein Graben existiert zwischen den Belegschaftsteilen mit älteren Verträgen und den Neuangestellten, die mittlerweile fast regelmäßig niedriger eingestuft werden, geringere Vergütungen und nur noch “abgespeckte” Sozialleistungen erhalten. Oft wird ihnen eine Festanstellung vorenthalten und sie müssen mit befristeten Verträgen oder Teilzeitbeschäftigung vorlieb nehmen. Eine zunehmende Rolle spielt Leiharbeit, die nicht nur der Kostensenkung (also der Profiterhöhung) und der betrieblichen Dispositionsflexibilität dient, sondern auch um Keile in die Belegschaften zu treiben.

Es finden jedoch nicht nur Prozesse der Absonderung, sondern auch der Angleichung statt: Durch technische Entwicklungen und neue betriebliche Organisationsstrukturen werden gerade in zentralen Bereichen des Industriesystems traditionelle Differenzen wenn nicht überwunden, so doch abgeschwächt. Auch wenn die Formen zunächst anderes vortäuschen, ist dies eine Angleichung nach “unten”: Große Teile der technischen Intelligenz finden sich auf einem (wenn auch anspruchsvollen) Produzentenstatus wieder. Mittlerweile gehört sie in vielen hochtechnologischen Bereichen mit Belegschaftsanteilen von zum Teil deutlich über 50 Prozent zur produktiven Klasse.

Auch viele Angestelltenpositionen werden durch die profitorientierte Umgestaltung der Arbeitswelt zerrieben. Viele Betroffene haben sich durch den existenziellen Druck von der Illusion verabschiedet, etwas gegenüber der Masse der Lohnabhängigen “Besseres” zu sein.

Hierarchisches Industriesystem

Separierungs- und Spaltungsprozesse existieren nicht nur innerhalb der einzelnen Betriebe und Konzernteile, sondern sind für das Industriesystem in seiner Gesamtheit charakteristisch geworden. Es besitzt einen pyramidenförmigen Aufbau, dessen Spitze die Entwicklungs- und Fertigungszentren der transnationalen Konzerne bilden. Ihre qualifizierten Kernbelegschaften erhalten relativ auskömmliche Löhne und profitieren von den mittlerweile bedrohten, aber im Prinzip nach wie vor existierenden sozialen Sicherungsstandards, die in den Jahrzehnten eines Prosperitätskapitalismus durchgesetzt werden konnten. Ihnen sind Zuliefer-Segmente mit untergeordnetem Status zugeordnet: Von Stufe zu Stufe reduziert sich das Einkommen, verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen und arbeitsrechtlichen Absicherungen. In den “ungeschützten” Beschäftigungsverhältnissen in den Kelleretagen des Industriesystems wird oft noch nicht einmal die Hälfte der Einkommen wie in den “Kernbereichen” erzielt.

Die großen Gewinne der Dax-Unternehmen werden zu großen Teilen durch den Druck auf die Zulieferer erzielt, die sich wiederum an ihren Beschäftigten schadlos zu halten versuchen. Das Kapital “optimiert” seine Profitabilität jedoch nicht nur durch ein abgesenktes Lohnniveau und gesteigerten Leistungsdruck, sondern auch durch “deregulierte” Beschäftigungsbedingungen: Es kann in diesen Sektoren die Belegschaften heuern und feuern, wie es gerade der Auftragslage entspricht.

Internationale Arbeitsteilung

Komplettiert wird der hierarchische Aufbau des Industriesystems auf nationalstaatlicher Ebene durch eine Neuausrichtung der internationalen Arbeitsteilung, deren Kern in der Integration immer wieder neu erschlossener Niedriglohnzonen in den transnational organisierten Produktionsprozess besteht. Hier sind ein großer Teil der in den kapitalistischen Hauptländern verschwundene Industriearbeitsplätze neu entstanden. Die Konsequenz dieser Entwicklung ist das rasche Anwachsen einer globalen Arbeiterklasse (die zu einem nicht unwesentlichen Teil weiblich ist!), deren einzelne Segmente (noch) gegeneinander ausgespielt werden können, sodass die Ausbeutung in den “Zentren” und an der “Peripherie” gleichermaßen intensiviert werden kann.

Die Neuausrichtung der internationalen Arbeitseilung (“Globalisierung”) hat zu einem Machtzuwachs des Kapitals geführt. Durch die systematische Verunsicherung der Lohnabhängigen konnte der neoliberalistische Angriff auf ihren Lebensstandard organisiert werden. Dieses Bestreben war die Antwort auf ein ganzes Bündel von Verwertungsproblemen, mit denen maßgebliche Kapitalfraktionen seit den 80er Jahren konfrontiert waren. Vor allem die Reduktion der Lohnquote (also des Anteils der abhängig Beschäftigten am Sozialprodukt, als indirekter Ausdruck der Ausbeutungsrate) konnte als eines der vorrangigsten Ziele durchgesetzt werden: Alleine in dem relativ kurzen Zeitraum von 2000 bis 2006 gelang es dem Kapital sie um über 10 Prozent hinunter zu drücken. Schon in den beiden Jahrzehnten vorher hatte es eine massive Verschiebung der Einkommen zu Gunsten des Kapitals gegeben: Von 1980 bis 1997 stiegen die Nettogewinne um 119 Prozent, die Nettolöhne jedoch nur um 20 Prozent. Inflationsbedingt wirkte sich für die Lohnabhängigen diese Tendenz in einer spürbaren Absenkung ihres Einkommensniveaus aus.

Als allgemeinen Trend lässt sich beobachten, dass aus einer Mischung aus technologischen Quantensprüngen und veränderten Organisationsformen der Arbeitsprozesse, die zu einer immer intensiveren Auspressung lebendiger Arbeit führen, nicht mehr alle potentiellen Arbeitskräfte benötigt werden. Die Arbeitslosigkeit hat, trotz ihres zeitweiligen Rückgangs, strukturellen Charakter.

Prekarisierung

Wie das Projekt Klassenanalyse@BRD herausgearbeitet hat, sind die prinzipielle Arbeitsplatzunsicherheit ebenso wie die Prekarisierungs- und Ausgrenzungsprozesse als Ausdruck einer Umgestaltung der klassengesellschaftlichen Strukturen zu begreifen, zu deren Konsequenzen auch die Wiederkehr schon überwunden geglaubter Formen elementarer materieller Bedürftigkeit gehören. Gemessen an den erkämpften sozialpolitischen Standards sind dies Symptome einer gesellschaftlichen Rückschrittstendenz: “Es wird allmählich klar, dass Arbeitslosigkeit und Prekärwerden der Beschäftigung in der gegenwärtigen Modernisierungsdynamik fest verankert sind.” (R. Castel)

Die High-Tech-Bereiche funktionieren dabei als Ausgrenzungsmaschine: Es entstehen neue Qualifikationsanforderungen für einen kleineren Teil der Beschäftigten bei gleichzeitiger Zunahme von beruflichen Abwertungstendenzen und Arbeitsplatzunsicherheit für einen größeren Teil. Die Erwartungen aus früheren Jahrzehnten, dass die “wissenschaftlich-technische Revolution” zu einem allgemeinen Qualifizierungssprung führen würde, haben sich nicht erfüllt, auch weil hochtechnologische Produktion nur funktioniert, wenn ihr auf verschiedenen Ebenen zugearbeitet wird – und das geschieht oft mit einfachen “Dienstleistungen” und Logistiktätigkeiten. Es sind zwar insgesamt die Qualifikationsanforderungen gestiegen, jedoch hat das nicht zu einem kollektiven “Aufstieg” der Lohnabhängigen geführt. Wer im Arbeitsleben mithalten will, muss mit dem Computer umgehen können. In Zahlen drückt sich das (nach einer britischen Untersuchung) so aus, dass 37 Prozent der Arbeitsplätze für Männer und 25 Prozent der für Frauen höhere oder komplexe IT-Fähigkeiten erfordern. Einfachere Computerkenntnis waren für mehr als die Hälfte des Maschinenpersonals erforderlich.

Die Kehrseite dieser Qualifizierungstendenz ist in vielen Bereichen der Arbeitswelt die Ausbreitung von Prekarität: Kontinuierlich wächst die Zahl der Vollzeitbeschäftigten, die mit ihrem Einkommen ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Es ist für Arbeiterklasse der BRD eine neue Entwicklung, dass der Wert der Arbeitskraft eines großen (und zunehmenden) Teils der Beschäftigten unter die Reproduktionskosten gedrückt wird. Nicht in allen Fällen wird die Differenz durch staatliche Transferleistungen ausgeglichen. Zwar erhielten Anfang 2007 1,3 Millionen Beschäftigte eine Aufstockung ihrer Einkommen durch Arbeitslosengeld II, jedoch war der Kreis der Berechtigten wesentlich größer, denn mehr als 6 Millionen, also ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten erhalten Niedriglöhne. Als Konsequenz dieser Entwicklungen lebt mehr als ein Drittel der Lohnabhängigen schon in akuten Armutslagen, oder ist unmittelbar bedroht in sie abzusinken. Der “Wohlfahrtsstaat” entwickelt sich zu einer “Bedürftigkeitsgesellschaft, in der Reichtum und Armut immer weiter auseinander klaffen.

Konflikterfahrung

In der Regel reagieren aufgrund einer unterentwickelten Kultur des Widerstandes die Krisenopfer mit Resignation und schuldgeprägten Selbstbezichtigungen – und dennoch hat die Verschärfung des Klassenkampfes von oben deutliche Spuren in den Gesellschaftsbildern hinterlassen. Durch die krisenhaft veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen ist wieder unmittelbar erfahrbar geworden, was kapitalistische Klassendominanz bedeutet: Die existenzielle Abhängigkeit von den Verwertungsstrategien der Vermögens- und Produktionsmittelbesitzer. Sie bestimmen mit ihren Renditeerwartungen und Investitionsentscheidungen über das Lebensschicksal der Lohnabhängigen.

Diese elementaren Erfahrungen schlagen sich zunehmend (wieder) in den Gesellschaftsbildern nieder. Schon vor einigen Jahren beklagte das Allensbach-Institut, dass alte Formeln von Klassengegensätzen und Klassenkampf großen Teilen der Lohnabhängigen wieder zur Beschreibung der sozialen und ökonomischen Realität geeignet scheinen: Die Gesellschaft wird trotz individualistischer Illusionen, als eine in ein Oben und ein Unten gespaltene erlebt.

Solch ein Realismus in den Gesellschaftsbildern ist jedoch noch kein Klassenbewusstsein. Sinnvoll wäre es von einer Klassenmentalität zu sprechen, die sich “spontan” durch die arbeitsalltäglichen Konflikterfahrungen entwickelt.

Lenin hat in diesem Sinne von einem “elementaren Klassenbewusstsein” gesprochen.

Es ist eine Frage des politisch-ideologischen Kräfteverhältnisses welche politische Bedeutung die klassenspezifischen Konflikterfahrungen und Mentalitätsformen erlangen. Gegebene Bewusstseinszustände sind nicht zementiert, aber an ihrer Veränderung muss gearbeitet werden. Profiliertes Klassenbewusstsein ist kein zwangsläufiges Resultat objektiver Umstände, sondern ein Ergebnis politischer Vermittlung auf deren Grundlage. Diese kann nur in den alltäglichen Kämpfen um den Lohn, die Arbeitsbedingungen und immer öfter um den Arbeitsplatz selbst geleistet werden.

Wesentlich für solche Formierungsprozesse sind die strukturellen Voraussetzungen. Sind die Betriebseinheiten klein (wie im Handwerk oder im Einzelhandel) lässt sich gewerkschaftliche Gegenmacht nur schwer organisieren, weil die Beschäftigten eingeschüchtert werden können. Dass dagegen die Belegschaften in den Großbetrieben in der Industrie den höchsten Organisationsgrad und die besten Widerstandsmöglichkeiten haben, ist kein Zufall: Industrielle Sozialisation und die Organisationsmuster des “Werkalltagslebens” (Marx) bieten die Chance zur politischen Formierung. Der Industriebetrieb bietet Kommunikationsstrukturen, die eine gemeinsame Verarbeitung der alltäglichen Widerspruchserfahrungen ermöglichen.

Als organisations- und widerstandsfähig haben sich in der letzten Zeit jedoch auch die Beschäftigten in größeren Betriebseinheiten der Krankenversorgung und des Transportwesens erwiesen. Erinnert sei an den Lokführerstreik, der aus einheitsgewerkschaftlicher Sicht zwar problematische Seiten hatte, durch den jedoch die Durchsetzungsfähigkeit von Berufsgruppen deutlich wurde, die nicht den klassischen Industriesektoren zugehören.

Handlungsperspektiven

Entgegen einem reduktionistischen Verständnis hatte Marx einen klassentheoretischen Theorierahmen skizziert, durch den die Strukturbedingungen eng mit den Handlungsebenen verknüpft werden und der von seiner Tragfähigkeit nichts verloren hat, auch wenn durch Spaltungen in der Arbeitswelt neue Probleme hinzu gekommen sind: “Die Großindustrie bringt eine Menge einander unbekannter Leute an einen Ort zusammen. Die Konkurrenz spaltet sie in Interessen; aber die Aufrechterhaltung des Lohnes, dieses gemeinsame Interesse gegenüber ihren Meister, vereinigt sie in einen gemeinsamen Gedanken des Widerstandes –Koalition. (…) Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf, den wir nun in einigen Phasen gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf.”

Die historische Handlungsrelevanz des Kerns der Lohnabhängigenklasse erschließt sich nicht über geschichtsphilosophische Allgemeinplätze (“historische Mission der Arbeiterklasse”), sondern nur durch die konkrete Analyse ihrer gesellschaftlichen Situation und den daraus sich ergebenden Handlungsmöglichkeiten. Aus der objektiven Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess ergeben sich Praxisperspektiven, die jedoch von bewusst agierenden Subjekten ergriffen werden müssen.

Weil der Kampf um die unmittelbaren (betrieblichen) Interessen (wenn er mit der notwendigen Intensität geführt wird!) eine wirksame Möglichkeit des kollektiven Lernens ist, besitzt die in den Großbetrieben tätigen Lohnabhängigen trotz aller Aufsplitterungstendenzen immer noch die besten Voraussetzungen sich als fundamentale Veränderungskraft zu formieren. Denn in ihren Arbeitszusammenhängen findet das tägliche Drama um die Ausbeutung der Arbeitskraft statt: Die Arbeitswelt ist der Ort der unmittelbaren Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit und das Zentrum der gesellschaftlichen Widerspruchserfahrung. Deshalb kann weiterhin davon ausgegangen werden, dass die Arbeiterklasse im Sinne von Marx das Negationsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft darstellt, sie die entscheidende Kraft im Kampf gegen das Kapital und für den Sozialismus ist.

 

Der Artikel von W. Seppmann wurde auf der Grundlage von Materialien des Projektes
Klassenanalyse@BRD für das Bildungsthema “Das Subjekt der Veränderungen: Arbeiterklasse, Gewerkschaften und Bündnispartner”
geschrieben, das aus Termingründen erst Anfang Oktober erscheinen wird.

Zuvor erscheint im August im Zusammenhang mit dem 40. Jahrestag der DKP das Bildungsthema 3-2008.

 

 

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