Das Grundgesetz der Revolution

Das Grundgesetz der Revolution

Teil 3 zum 90. Jahrestag W.I. Lenins über revolutionäre Situationen und die Strategie der Kommunistischen Partei

Von Dr. Hans-Peter Brenner

 

Um das Zusammenfallen von „objektiven Bedingungen“, subjektiver Handlungsbereitschaft und Änderungsmotivation ging es auch in den Gedanken und Erfahrungen, die Lenin im „Grundgesetz der Revolution“ zusammenfasste:
„Das Grundgesetz der Revolution, das durch alle Revolutionen und insbesondere durch all drei russischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts bestätigt worden ist, besteht in folgendem: Zur Revolution genügt es nicht, dass sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewusst werden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, dass die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die ‚Unterschichten` das Alte nicht mehr wollen und die `Oberschichten` in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken: Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise.“ (1)

Aprilthesen

Eine „gesamtnationale Krise“ führt jedoch nicht automatisch zu einer Politisierung der Volksmassen und zu einer Klarheit über Ziele und Methoden.
Alvaro Cunhal erinnerte daran, dass dieses „Nicht-mehr-Wollen“ der unterdrückten Klassen sich „im spontanen Griff zum Kampf“ äußert und scheitern muss, „wenn die organisierten politischen Kräfte es nicht verstehen, die Krise vorauszusehen, es nicht verstehen, die Gefühle und Stimmungen der Massen abzulauschen, und wenn sie es nicht verstehen, die Unzufriedenheit in praktische Formen des Kampfes zu überführen. Dieses ´Nicht-mehr-Können` der herrschenden Klassen, die durch den Bankrott ihrer eigenen Politik erschüttert sind, äußert sich in Konflikten, in Desorientierung und in der eiligen und widersprüchlichen Suche nach Lösungen für ihre Schwierigkeiten.“ Ohne das „organisierende Moment“, d.h. ohne die bewusst und entschlossen handelnde Organisation der marxistischen Revolutionäre, die eng mit entscheidenden Gruppen und Multiplikatoren der auf revolutionäres Handeln drängenden Arbeitermassen verbunden sind und ohne auch ein ausreichendes Maß an eigenen gut organisierten Kräften, die einer Konterrevolution energisch den Riegel vorschieben können, besteht die Gefahr, dass ein möglicher revolutionärer Umschwung mangels ausreichender Organisiertheit verpufft. Denn, so sagte Cunhal weiter – diese „objektiven Bedingungen“ seien nicht ausreichend dafür, dass eine Revolution stattfinden kann. „Es ist notwendig, dass außer ihnen auch die `subjektiven` Bedingungen für die Revolution erfüllt sind, dass ein ´Grad des Klassenbewusstseins und der Organisiertheit` besteht, der den Erfordernissen des Kampfes in der revolutionären Situation entspricht.“ (2)

Dieser Grad der politischen Bewusstheit und revolutionären Entschiedenheit muss zumindest im Zentrum der auf revolutionäre Änderungen drängenden klassenbewussten Kräfte eine solche Intensität und einen solchen Rigorismus erreichen, dass „die Mehrheit der Arbeiter (oder jedenfalls die Mehrheit der klassenbewussten, denkenden, politisch aktiven Arbeiter) die Notwendigkeit des Umsturzes völlig begreift und bereit ist, seinetwegen in den Tod zu gehen …“. (3)

Hinzukommen müssen auf der psychologischen Ebene nicht nur diese bis zum Todesmut sich steigende Entschlossenheit des Kerns der revolutionären Vorhut, sondern auch in der Klasse selbst müssen „Tugenden“ und Eigenschaften entwickelt werden oder vorhanden sein, die es den revolutionären Kräften ermöglicht über die punktuelle akut-revolutionäre Phase hinaus die Revolution fortzusetzen und zu stabilisieren. In einem sehr kurzen Artikel Lenins, geschrieben 2 Jahre nach der Oktoberrevolution, hebt er hervor, dass dies auch „zwei Jahre unsäglicher und unvorstellbarer Schwierigkeiten, Jahre des Hungers, der Entbehrungen und des Elends“ gewesen seien. Jetzt sei die Revolution in die Phase der Entwicklung der sozialistisch-kommunistischen Arbeit eingetreten, die eine neue Arbeitsdisziplin erfordere. Dazu seien aber Fähigkeiten und Einstellungen notwendig, die das revolutionäre Proletariat nur über einen langen Zeitraum habe entwickeln und lernen können. „Ausdauer, Beharrlichkeit, Bereitschaft, Entschlossenheit und die Fähigkeit, hundertmal zu probieren, hundertmal zu korrigieren und um jeden Preis das Ziel zu erreichen – diese Eigenschaften hat das Proletariat 10, 15, 20 Jahre vor der Oktoberrevolution entwickelt, es hat sie im Laufe der zwei Jahre nach der Revolution entwickelt, wobei es ungeheuere Entbehrungen, Hunger, Zerstörung und Elend ertragen musste. Diese Eigenschaften des Proletariats sind die Bürgschaft dafür, daß das Proletariat siegen wird.“ (4)

Die Bestimmung des „nächsten Schritts“ in der Revolution

Nach dem Sturz des Zarismus durch die 2. bürgerliche Revolution im März 1917 stellte sich für die russische Bourgeoisie ebenso wie für die russische Linke wie schon in der 1. ruassischen Revolution von 1905 erneut die Frage, welche Entwicklungsrichtung der revolutionäre Prozess einschlagen würde. Sollte es um eine konstitutionelle Monarchie nach britischem Vorbild gehen, wie es vor allem die bürgerlich-monarchistische „Kadetten“-Partei erstrebte? Oder sollte es um die Errichtung einer bürgerlich- parlamentarischen Republik etwa nach dem Vorbild Frankreichs, der Schweiz oder der USA gehen? Dafür war die Mehrheit der bürgerlichen Parteien. Aber das war auch die strategische Linie der meisten Linken – selbst anfänglich der Mehrheit des ZK der Bolschewiki. In dieser bürgerlichen Demokratie sollte dann langfristig und allmählich für eine sozialistische Perspektive gerungen werden.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Exil überraschte Lenin in seinen „April-Thesen“ die Bolschewiki jedoch dadurch, dass er auf die sofortige Fortsetzung der Revolution, auf den Übergang zu einer neuen Etappe orientierte, in der die Voraussetzungen für die zügige Vorbereitung auf die proletarische Revolution geschaffen werden sollten.

In den „April-Thesen“ erklärte er vor der Petrograder Parteiorganisation:
„2. Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmst Schichten der Bauernschaft legen muss.“

Das gegenwärtige nächste Ziel beschrieb er so:
„5. Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts – sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande, von unten bis oben.“

Dabei berücksichtigte er das zum damaligen Zeitpunkt erreichte politische Niveau der bereits erreichten revolutionär-demokratischen Entwicklung und skizzierte den „nächsten Schritt“, welcher unter den obwaltenden Bedingungen machbar und realistisch war. Dies sollte noch immer nicht, die „sofortige Einführung des Sozialismus“ sein, wie u.a. die Anhänger Trotzkis forderten.

Lenin stellte klar:
„8. Nicht ‚Einführung` des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.“ (5)

 

In den nächsten 2 Monaten des Jahres 1917 sollten sich aber die Ereignisse überschlagen und die Kräfteverhältnisse mehrfach verändern. Dabei bewies sich die Leninsche Revolutionsstrategie ihre historische Überlegenheit nicht nur durch ihre revolutionäre Hartnäckigkeit, indem der Kurs auf die proletarische Revolution trotz aller zeitweiligen Rückschläge beibehalten wurde.

Besonders in den sehr kritischen Monaten Juni / Juli zeigte sie sich auch bei der ganz genauen Bestimmung möglicher Situationen der eigenen Schwäche und Unterlegenheit überlegen. So schienen für viele Linke die Tage Anfang Juni 1917 bereits mehr als reif für eine „Machtergreifung“. Es kam zu großen Arbeiter- und Soldatendemonstrationen, die dadurch ausgelöst wurden, dass die Provisorische Regierung unter A. Kerenski mit (!) Unterstützung des Ersten Gesamtrussischen Sowjetkongresses, auf dem die Partei der Sozialrevolutionäre und der reformistische Flügel der russischen Sozialdemokratie, die Menschewiki, die Mehrheit innegehabt hatten, eine neue Militäroffensive an der Westfront einleiten wollte, statt auf einen sofortigen Friedensabschluss zu orientieren.
Die Bolschewiki verstanden es dank der Überlegenheit Lenins zwischen echten und wirklichen revolutionären Situationen zu entscheiden. Sie ließen sich nicht durch revolutionäre Ungeduld im falschen Moment zur entscheidenden politisch-militärischen Aktion und zum Aufstand hinreißen, obwohl zeitweilig viele Ungeduldige im Zusammenhang mit den Juni-Juli Ereignissen bereits den Aufstand für möglich und notwendig hielten.

Hegemonie als eine Frage der politischen Führung im breiten Bündnis

Um aus der „revolutionären Krise“ den Übergang zu einem Machtwechsel herbeizuführen, brauchte es nach Lenin weitere Bedingungen, um die dazu nötigen Kräfte zu bündeln und gangbare weitere Schritte zu bestimmen. „Jetzt gilt es, alle Kräfte, die ganze Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt zu konzentrieren, der weniger wichtig zu sein scheint – und es von einem gewissen Standpunkt auch wirklich ist-, aber dafür der konkreten Lösung der Aufgabe praktisch näher kommt, nämlich darauf, die Form des Übergehens zur proletarischen Revolution oder des Herangehens an sie ausfindig zu machen.“ (6)

Dabei reicht es nach den Erfahrungen aller Revolutionen nicht aus, dass eine revolutionäre Klasse allein in Bewegung gerät und den Kampf mit der herrschenden Klasse allein aufnimmt. Deshalb orientiert Lenin auf den Gedanken des Bündnisses unter der Führung (politischen Hegemonie) der revolutionären Klasse. Lenin forderte die KP’en nach dem Sieg der Oktoberrevolution dazu auf, eine solche Bündniskonzeption zu entwickeln, die möglichst viele nichtproletarische Werktätige und objektiv antikapitalistische Schichten in den Kampf für diese Etappen zum Sozialismus einbeziehen könnte. Marx und Engels hatten bereits in der Auseinandersetzung mit Lassalle darauf gedrungen, dass das Proletariat in Deutschland sich mit den Bauern verbünden müsse. Sie waren der Meinung, dass die proletarische Revolution auf dem Kontinent nicht ohne „eine Art Neuauflage des Bauernkrieges“ siegreich sein könne.

Im „Linken Radikalismus“ unterstrich Lenin den Gedanken der Bündnispolitik des Proletariats und seiner „Hegemonie“ innerhalb dieses Bündnisses.

Es heißt dazu:
„Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten ‚Riss` zwischen den Feinden, jeden Interessensgegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen Sozialismus überhaupt begriffen. Wer nicht während einer recht beträchtlichen Zeitspanne und in recht verschiedenartigen politischen Situationen praktisch bewiesen hat, dass er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwenden, der hat noch nicht gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung der gesamten werktätigen Menschheit von den Ausbeutern zu helfen. Und das Gesagte gilt in gleicher Weise für die Periode vor und nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.“ (7)

Voraussetzungen des Sieges, die mehr sind als der gute Wille humanistisch gesonnener Menschen. Eine erfolgreiche Revolution, das zeigen nicht nur die Erfahrungen der Oktoberrevolution oder der chinesischen Revolution, sondern auch die kubanische und die jetzige venezuelanische bedarf also zusammengefasst einiger elementarer machtpolitischer Voraussetzungen. Lenin charakterisierte seinerzeit die ´politische Armee` der Oktoberrevolution, indem er drei hauptsächliche Voraussetzungen für den Erfolg betonte:
„1. eine überwältigende Mehrheit im Proletariat;
2. fast die Hälfte der Armee;
3. das ausschlaggebende Übergewicht im entscheidenden Zeitpunkt an den entscheidenden Stellen, und zwar in den Hauptstädten und an den dem Zentrum nahegelegenen Fronten.“ (8)

(Welche Rolle der militärische Faktor dabei spielt, wäre eine eigene Ausarbeitung wert.)

Dr. Hans-Peter Brenner
Stellv. Vors. der DKP

 

(1) W.I. Lenin: Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Bd. 31, S. 71 f
(2) Álvaro Cunhal: Kurs auf den Sieg, Berlin 1981, S. 195 f
(3) W.I. Lenin: Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Bd. 31, S. 71
(4) W.I. Lenin: Von der Zerstörung einer jahrhundertealten Ordnung zur Schaffung einer neuen,Werke Bd. 30, S. 511
(5) W.I. Lenin: Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution, in: Werke Bd. 24, S. 4-6
(6) W.I. Lenin: Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, In LW Bd. 31, S. 79
(7) W.I. Lenin. Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus. In LW Bd. 31, S. 57
(8) W.I Lenin: Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung und die Diktatur des Proletariats, Werke Bd. 30, S. 251F

 

 

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