Bedeutung und Erbe der Oktoberrevolution

Bedeutung und Erbe der Oktoberrevolution

Aktuelle Überlegungen

Von Harald Neubert

 

Die Oktoberrevolution war ein bahnbrechendes welthistorisches Ereignis, das eine epochale Entwicklung eröffnete, das erstmals in der Geschichte den Weg in eine post-kapitalistische, sozialistische Gesellschaft freimachte, eine Entwicklung, die jedoch in den Umbrüchen der Jahre nach 1989 ihr Ende fand – für viele pro-sozialistische Kräfte in der Welt unerwartet und verbunden mit schmerzlichen Enttäuschungen. Somit werfen die Ablösung der sozialistischen Ordnungen in Europa, die Auflösung der UdSSR und die Restauration des Kapitalismus in diesen Ländern aus heutiger Sicht, also im 90. Jahr nach der Oktoberrevolution, für Kommunisten zahlreiche Fragen auf, deren realistische Beantwortung eine wesentliche Voraussetzung für die fortgesetzte Orientierung auf eine sozialistische Zukunft der Menschheit ist:

Wie ist der historische Platz der Oktoberrevolution einzuschätzen?

Worin besteht die historische Bilanz des bisherigen realen Sozialismus?

Ist der Sozialismus sowjetischer Ausrichtung aufgrund innerer Ursachen gescheitert oder wurde er von seinen Feinden, vor allem von außen her, zerstört?

Zwingen die Umbrüche von 1989-1991 zu einem Neubeginn oder sind sie lediglich eine Unterbrechung eines kontinuierlichen Prozesses?

Es ist zur Genüge bekannt, dass es hierauf – auch unter Kommunisten – ganz unterschiedliche Antworten gibt, was uns aber nicht daran hindern darf, im Interesse heutiger und künftiger kommunistischer Politik und Programmatik nach entsprechenden historischen Wahrheiten zu suchen. Wer sich – aus welchen Gründen auch immer – scheut oder weigert, sich dieser Aufgabe zu stellen, erschwert die dringend erforderliche kommunistische Standortbestimmung in der Gegenwart. Allerdings bedarf es hierzu, um zu konsensfähigen Schlüssen zu gelangen, noch eingehender theoretischer Arbeit, gründlicher Geschichtsaufarbeitung und zusätzlicher politischer Erfahrungen unter den inzwischen veränderten Bedingungen.

Eine welthistorisch einmalige Chance

Was den historischen Platz der Oktoberrevolution anbelangt, so gilt es zu begreifen, dass die damaligen konkreten Umstände eine welthistorisch einmalige Chance geboten hatten, die außerhalb Russlands aus objektiven, aber besonders aus subjektiven Gründen so nicht gegeben waren. Dennoch war sie kein zufälliges und kein willkürlich hervorgebrachtes Ereignis. Sie war auch keine Verschwörung bzw. kein Staatsstreich einer elitären bolschewistischen Partei, sondern die revolutionäre Aktion breiter Massen von Arbeitern, Bauern, Soldaten. Es ging um Frieden, Land und Brot. Zugleich ordnete sie sich in die Traditionslinie der gesamten europäischen Arbeiterbewegung ein.

Da aber die konkreten historischen und die spezifisch russischen Bedingungen einmalig waren, ließ sich die siegreiche Revolutionsstrategie als “Grund”-Modell, wie in der internationalen kommunistischen Bewegung leider irrtümlich angenommen wurde, auf andere Länder so nicht übertragen. W. I. Lenin hatte das bereits angedeutet, und Antonio Gramsci hatte sodann in Leninschem Sinne auf wesentliche Unterschiede möglicher Revolutionen im “Westen” zur Revolution im “Osten” hingewiesen. Immerhin gab es in einigen europäischen Ländern in den Jahren nach 1944 ernsthafte Orientierungen auf sogenannte nationale Wege zum Sozialismus, die nicht das Sowjetsystem kopieren sollten. Doch diese scheiterten nach 1947 an der Bedrohungssituation des kalten Krieges und der polarisierenden, ausgrenzenden Reaktion der Stalinschen Führung.

Da in Deutschland, Österreich, Italien und anderen Ländern nach dem ersten Weltkrieg sozialistische Revolutionen keinen Erfolg hatten, blieb Sowjetrussland nicht nur isoliert, sondern umgeben von interventionsbereiten feindlichen Mächten. Aufgrund dieser Umstände vermochten es die Führer der Sowjetunion nicht, die anfangs entstandenen diktatorischen und zentralistischen, undemokratischen Zwänge abzubauen und zu überwinden, was in den Folgejahren erforderlich gewesen wäre. Im Gegenteil wurde unter Stalin ein Herrschaftsregime verfestigt, das Willkür und Verbrechen am eigenen Volke einschloss.

Wie man den Geschichtsverlauf auch immer einschätzt, die zum Teil rasante, beeindruckende Aufwärtsentwicklung der Sowjetunion und sodann weiterer sozialistischer Staaten auf den Gebieten der Wirtschaft, der Sozialpolitik, der Kultur und Bildung, der immense Beitrag der UdSSR zur Befreiung der Völker vom Faschismus und vom Kolonialismus sowie zum Weltfrieden gingen deshalb leider einher mit negativen, sozialismusfremden Erscheinungen.

Hinzu kamen eine zunehmende geistig-ideologische Enge und eine dogmatische Verkümmerung des Marxismus. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass der auf Vernichtung des Sozialismus gerichtete äußere Druck einerseits einen fortwährenden “Belagerungszustand” erzeugte, der der militärischen und Sicherheitskomponente Priorität verlieh und der es deshalb andererseits den sozialistischen Ländern verwehrte, in vielen gesellschaftlichen Bereichen ungehindert ihr sozialistisches Profil auszubilden.

Ursachen der Niederlage

Eine häufig von Kommunisten gestellte Frage betrifft den Charakter der Ursachen für das Scheitern der sozialistischen Ordnungen in Europa, wie sie im Gefolge der Oktoberrevolution entstanden waren. Von den vielfältigen Ursachen muss man meiner Meinung nach die inneren – objektiven und subjektiven – Ursachen aus mehreren Gründen als die entscheidenden in Betracht ziehen.

So war zwar die kapitalistische Umwelt von Anfang um die Auslöschung des Sozialismus – mit politischer Isolierung, mit heißem, kaltem, ideologischem und Wirtschaftskrieg – bestrebt, vermochte dies aber erst dann, als die erstarrten, krisenhaften inneren Verhältnisse dem konterrevolutionärem Druck keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen in der Lage waren und die mehr oder weniger konservativ ausgerichteten Führungskräfte, ausgestattet mit vom Volke abgehobenen Privilegien, mit demokratisch nicht kontrollierbaren elitären Machtbefugnissen, konzeptionslos waren und deshalb sowohl den neuen Herausforderungen, wie sie im Sozialismus selbst und in der Weltentwicklung entstanden waren, wie auch der gegnerischen Offensive (Totrüsten, Menschenrechtsproblematik, wissenschaftlich-technischer Fortschritt, Ökologie usw.) weitgehend hilflos gegenüberstanden.

Große Teile der Arbeiterklasse – dies war ein sehr schmerzliches und folgenschweres Phänomen – betrachteten sich letztlich nicht mehr als die führende, machtausübende Klasse der sozialistischen Ordnung, verloren ihr Vertrauen zur Führung und waren schließlich in der Endphase nicht bereit, diese Ordnung aktiv zu verteidigen. Der Übergang zum Kapitalismus wurde – so auch in der DDR – von großen Teilen der werktätigen Bevölkerung mehr oder weniger hilflos hingenommen.

Um auf ein neues Sozialismus-Projekt zu orientieren, muss es deshalb unser ureigenstes Interesse sein, vordergründig die inneren Defizite, Schwächen und Fehlentwicklungen zu analysieren und daraus entsprechende Lehren bereits für die heutige Politik und erst recht für die Programmatik zu ziehen, damit Wiederholungen ausgeschlossen werden.

Zu bedenken ist auch, dass Länder wie China, Vietnam und Kuba inzwischen intensiv bemüht sind, ihre Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme zu reformieren, um nicht ebenfalls in eine ausweglose Situation zu geraten. Offen ist dabei, welcher Erfolg diesen Reformen beschieden sein wird.

Kontinuität oder Neubeginn?

Eine letzte zu beantwortende Frage: Wird ein künftiger Sozialismus Kontinuität oder einen Neubeginn bedeuten? Wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass der mit der Oktoberrevolution ins Leben gerufene Sozialismus nicht wiederbelebt bzw. fortgesetzt werden kann. Zwar hat er zu großartigen sozialen und kulturellen Errungenschaften geführt, die auch für die Zukunft mustergültig bleiben, sich schließlich aber in dieser konkreten historischen Gestalt als nicht überlebensfähig erwiesen. Gründlich und kritisch zu überdenken sind die Funktionsweise sozialistischer Demokratie, sozialistischer Machtausübung, das Parteikonzept, das Verhältnis von Partei und Staat, von Staat und Zivilgesellschaft, die Einheit von sozialen und politischen Menschenrechten, das Problem der ökonomischen und sozialen Triebkräfte in Wirtschaft und Gesellschaft, die Prinzipien des Internationalismus und vieles mehr.

Solche Überlegungen müssen wir eingedenk des unvergänglichen Erbes der Oktoberrevolution anstellen, auch wenn sie zunächst unterschiedlich beantwortet werden, sofern wir von der unverminderten Notwendigkeit von Sozialismus ausgehen und dies überzeugend, massenwirksam begründen wollen.

Viele der Gründe, weshalb mit der Oktoberrevolution der Sozialismus in der Praxis auf die Tagesordnung der Geschichte gesetzt wurde, sind nicht nur weiterhin wirksam, sondern neue sind hinzugekommen: Es geht heute nicht mehr nur um die Überwindung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, sondern um die Sicherung des Überlebens der gesamten Menschheit, zu der der herrschende Kapitalismus mit seiner in Krisen und Chaos treibenden Logik nicht in der Lage ist.

Dies verlangt im Vergleich zum realen Sozialismus der Vergangenheit die erneuernde Weiterentwicklung der marxistischen Theorie, neue programmatische Projektionen, modifizierte Strategien, die Mobilisierung von Kräften, die weit über die Arbeiterklasse hinausreichen, hierfür neue Formen der Organisation, der Bündnisse und des Internationalismus.

 

stern kl

In einem Brief an Franz Mehring vom 24. November 1917, also nur etwa zwei Wochen nach Eintreffen der ersten Nachrichten über die Revolution, vermerkte Rosa Luxemburg, dass diese, selbst wenn sie nur ein Versuch bliebe, als Epoche machend zu bezeichnen sei. In einem weiteren Brief an Luise Kautsky begründete sie ihre Zweifel an einem dauerhaften und nachhaltigen Erfolg dieser epochalen Tat mit der Haltung der Sozialdemokraten im Westen, die als “hundsjämmerliche Feiglinge” die Russen in Stich lassen würden.

In ihrer unvollendet gebliebenen Schrift “Zur russischen Revolution” notierte Rosa Luxemburg 1918: “Die Lenin-Partei war … die einzige in Russland, welche die wahren Interessen der Revolution in jener ersten Periode begriff, sie war ihr vorwärtstreibendes Element, also in diesem Sinne die einzige Partei, die wirklich sozialistische Politik betrieb …

Die Bolschewiki … haben sich”, so Rosa, “… das unvergängliche geschichtliche Verdienst erworben, zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik zu proklamieren …

Ihr Oktoberaufstand war nicht nur eine tatsächliche Rettung für die russische Revolution, sondern auch eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus.”

 

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