40 Jahre SDAJ – der Kampf geht weiter

40 Jahre SDAJ – der Kampf geht weiter!

Betrachtung von Männe Grüß, SDAJ-Bundesvorsitzender

 

Der Rückblick auf 1968 ist ein willkommenes Thema, das sich der herrschende Medienapparat nicht entgehen lassen will. Dabei spielt natürlich auch die Jagd nach Zuschauern und Abonnenten eine Rolle. Doch in der auffälligen Gleichförmigkeit der Betrachtungen tritt zu Tage, dass hier vor allem ein Kampf um die Deutungshoheit eines Teils der BRD-Geschichte ausgetragen wird. Folgende Versionen sollen dem Publikum eingeimpft werden:

stern klDie 68er ist eine reine Studentenbewegung – losgelöst von anderen gesellschaftlichen Kräften -, die sich in der Person Rudi Dutschke personifiziert und nach dem Attentat auf ihn ihren Zenit bereits überschritten hatte.

stern klAus der 68er Bewegung führten nur drei Wege: Verlieren in angeblicher sexueller Befreiung und Esoterik (stellvertretend Rainer Langhans, Kommune 1); der “Marsch durch die Instititutionen”, der für die Grünen in der Unterstützung deutscher Kriegspolitik endete (stellvertretend Joschka Fischer); das Abgleiten in den “Terrorismus” (Bewegung 2. Juni, RAF)

Diese Botschaften werden natürlich je nach Zielgruppe unterschiedlich akzentuiert. Während die Boulevard-Presse mit Nacktfotos von Uschi Obermaier zur Banalisierung der 68er beiträgt, leisten Autoren wie Götz Aly intellektuelle Schützenhilfe, indem er den damals Revoltierenden attestiert, im “gegenaufklärerischem Ersatzprotest” versunken gewesen zu sein. (Götz Aly, Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, 2008)

Mehr oder weniger bewusst ausgeklammert wird in den Rückblicken, dass sich über die Studentenproteste hinaus eine breite demokratische, außerparlamentarische Opposition entwickelte, in der die Arbeiterbewegung und ihre Organisationen eine bedeutende Rolle spielten, aber auch ihre eigenen ökonomischen Kämpfe austrug.

Mehr bewusst als unbewusst wird verschwiegen, dass nach 1968 neben LSD, bewaffnetem Kampf und Integration in den Herrschaftsapparat noch ein weiterer Weg beschritten wurde: die Formierung kommunistischer und sozialistischer Kräfte auf legalem Boden mit der Gründung der SDAJ im Mai 1968 und nur wenige Monate später der DKP. Zusammen mit dem MSB Spartakus konnte diese Bewegung in den 70er Jahren einen Einfluss unter Teilen der Intelligenz, der Arbeiterjugend und der Arbeiterklasse im Allgemeinen erreichen, den Organisationen wie der SDS selbst in ihrer Blütezeit nicht ansatzweise erreichten.

Die Vorgeschichte von 1968

Um die Situation 1968 einzuschätzen, ist es notwendig, die zentralen Zielstellungen der herrschenden Klasse und die Kräfteverhältnisse im Klassenkampf zumindest zu skizzieren. So standen in den 50er Jahren für den westdeutschen Imperialismus vor allem drei Punkte auf der Tagesordnung: Restauration der großkapitalistischen Eigentums- und Machtverhältnisse, Westintegration und Remilitarisierung inklusive nuklearer Aufrüstung. Zur politischen Durchsetzung dieser Ziele waren eine Bundesregierung vom Format des reaktionären Adenauer-Regimes und der Einsatz von Nazis in Justiz, Polizei, Geheimdiensten und Militär geeignete Mittel. Das Konzept eines autoritären “CDU-Staates” war der Garant dafür, eine Fundamentalopposition gegen die Vorhaben der westdeutschen Eliten effektiv auszugrenzen, wie es sich im Verbot der FDJ 1951 und dem Verbot der KPD 1956 äußerte.

Mit diesen Verboten, den damit verbundenen Repressionen und antikommunistischer Hetze konnte ein Anpassungsdruck auch auf Teile der SPD ausgeübt werden. Dies wiederum bildete – verbunden mit der wirtschaftlichen Prosperität und damit einhergehenden Zugeständnissen der Kapitalisten in ökonomischen Klassenkämpfen – einen geeigneten Nährboden für sozialpartnerschaftliche Ideologien im DGB. (hierzu im allgemeinen: U. Albrecht, F. Deppe, J. Huffschmid u. a., Beiträge zu einer Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 1979; die Dominanz sozialpartnerschaftlicher Ideologien im DGB zu dieser Zeit impliziert natürlich auch Gegenkräfte in den Gewerkschaften, die sich z. B. in der IG Metall konzentrierten.)

Die relative Krise des westdeutschen Imperialismus

Bereits Anfang der 60er deutete sich jedoch gleichzeitig auch an, dass das autoritäre Konzept der CDU, das Bundeskanzler Erhard auf dem CDU-Parteitag mit der “formierten Gesellschaft” weiter verfolgte, an seine Grenzen stieß. Mit der Zielsetzung der Regierenden, die parlamentarische Demokratie weiter einzuschränken und die gewerkschaftliche Interessensvertretung durch Eingriffe in die Tarifautonomie zu beschneiden, geriet auch die SPD- und Gewerkschafts-Führung unter den Druck ihrer Mitglieder und musste zumindest dem Anschein nach Stellung gegen diesen Demokratieabbau beziehen, wobei insbesondere Teile der Gewerkschaften und hier die IG Metall zeitweise auch wirklich zum Träger von Widerstand wurden.

Außenpolitisch waren die politischen Eliten nicht in der Lage, die neu entstandenen Kräfteverhältnisse im internationalen Klassenkampf zu verarbeiten. Bereits Mitte der 50er Jahre war es der Sowjetunion in puncto atomarer Aufrüstung gelungen, mit den USA gleichzuziehen. Mit der Schließung der Sektorengrenze 1961 erwies sich die Perspektive einer ständigen Schwächung der DDR als hinfällig. Die Kennedy-Administration beendete nunmehr auch formell das frontale Konzept des “roll back” gegenüber dem sozialistischen Lager. Trotz dieser neuen Situation hielt die Bundesregierung an atomarer Aufrüstung fest und widersetzte sich der Anerkennung der DDR und der bestehenden Grenzen im Osten.

Die westdeutsche Wirtschaft befand sich zwar noch im Aufwind, doch gleichzeitig war bereits zu Beginn der 60er Jahre eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums zu konstatieren, was 1966/67 in der ersten Wirtschaftskrise mit 450 000 Erwerbslosen mündete, die vor allem die Arbeiterjugend traf. Diese Wirtschaftskrise war einer der Faktoren, die einer Erschütterung sozialpartnerschaftlicher Ideologien im DGB Vorschub leistete und in der zweiten Hälfte 1967 zu einem Aufwind der Streikbewegungen führte. (Zwischen 1959 und 1965 ist der bis dato niedrigste Stand in der Streikentwicklung zu verzeichnen; siehe ebd.)

Insgesamt weisen also bereits die 60er Jahre darauf hin, dass CDU wie SPD kaum in der Lage waren, eine hegemoniefähiges Konzept zur Absicherung der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse zu entwickeln, das ein Höchstmaß an Integrationsfähigkeit besaß. Seinen deutlichsten Ausdruck fand dies in der Notlösung der 1968 gebildeten Großen Koalition. Somit entstand der Boden für eine breite, demokratische außerparlamentarische Opposition (APO), die 1968 ihre ganze Kraft entwickelte.

Ein entscheidender Motor dieser Bewegung war die Jugend, die wie keine andere gesellschaftliche Gruppe unter aufkommender Massenarbeitslosigkeit, reaktionären Wertevorstellungen und einem elitären Bildungssystem zu leiden hatte und gleichzeitig die Kraft war, die mit jugendlichem Elan und Ungeduld zum Widerstand trieb. Vor allem Teile der jungen Intelligenz waren hierbei der Auslöser für eine breite Jugendbewegung. Verkürzt ist es hingegen, das Entstehen der APO und ihre Träger auf studentische Kräfte zu reduzieren.

Zwar war das eigenständige Auftreten der Arbeiterjugend in Form der Lehrlingsbewegung 1968 noch im Begriff ihrer Entstehung, aber in der Gesamtbetrachtung war die Arbeiterbewegung Bestandteil und Rückgrat demokratischer Bewegungen z. B. gegen die Notstandsgesetze und reduzierte sich keineswegs auf ökonomische Klassenkämpfe wie in der zweiten Hälfte 1967 oder auf die Septemberstreiks 1969. Gerade das Zusammengehen von Teilen der kritischen Intelligenz und Teilen der Gewerkschaften gegen Notstandsgesetze, den Krieg der USA in Vietnam, die im Aufwind begriffene neofaschistische NPD etc. war eine ernstzunehmende Gefahr aus Sicht der westdeutschen Eliten – zeichneten sich doch die Studenten in den Jahren zuvor eher durch unpolitisches Auftreten und ein elitäres Selbstverständnis aus.

Neue Spielräume für junge Kommunisten und Sozialisten

Diese relative Krise des westdeutschen Imperialismus vergrößerte auch den Spielraum für kommunistische Kräfte merklich, sodass die Gründung einer sozialistischen Jugendorganisation auf der Tagesordnung stand.

Die Gründung der SDAJ war jedoch kein bloßer Reflex auf diese Kräfteverhältnisse im Klassenkampf. Mit der Gründung der SDAJ trat eine Jugendorganisation auf den Plan, die auf der Grundlage der Lehren von Marx, Engels und Lenin eine politische Strategie entwickelte, die auf konkrete Notwendigkeiten zur Weiterentwicklung der Klassenkämpfe unter der arbeitenden und lernenden Jugend in der BRD einging. Die SDAJ zeichnete u. a. aus:

  • eine breite Verankerung unter der Arbeiterjugend (Diese Verankerung spiegelte sich bspw. in der Sozialstruktur der Delegierten des SDAJ-Gründungskongresses wider: Von insgesamt 395 Delegierten waren 85 Prozent Arbeiter und Angestellte, 8 Prozent Schüler und 7 Prozent Studenten. Aus: R. Priemer, “Gemeinsam sind wir unaufhaltsam”, UZ, 25. April 2008) und eine starke Verbindung mit den Gewerkschaften und der bis dato illegalen KPD
  • die Einordnung der Jugendkämpfe in den Kampf der Arbeiterklasse als Hauptkraft gesellschaftlicher Veränderungen
  • Beiträge für das Zusammenführen aller demokratischen Kräfte auf Grundlage gemeinsamer Forderungen und Aktionen
  • Entwicklung von Klassenbewusstsein durch das Verbinden unmittelbarer Interessenvertretung mit dem Kampf für eine sozialistische Zukunft
  • Solidarität nicht nur mit den antiimperialistischen Bewegungen gegen das Kolonialsystem, sondern auch mit dem sozialistischen Lager in Osteuropa und insbesondere der Sowjetunion und der DDR.

Dass die SDAJ am 4./5. Mai 1968 genau im richtigen Moment gegründet wurde, zeigte die folgende organisatorische Entwicklung, aber auch die Fortschritte, die die SDAJ beim Aufbau von Klassenbewusstsein unter der arbeitenden und lernenden Jugend erzielen konnte.

Während im Vorfeld des Gründungskongresses der SDAJ weit über 1 000 Jugendliche den Aufruf zur Gründung einer sozialistischen Jugendorganisation unterstützten und in 24 Städten Gründungsausschüsse entstanden, konnte die SDAJ bereits Ende 1969 über 10 000 Mitglieder in ihren Reihen zählen und verfügte in allen größeren Städten über Grundeinheiten. (K. Wagener, Die Unkaputtbaren, junge Welt, 26. April 2008)

Inwieweit die SDAJ in der Lage war, den Anspruch, Klassenbewusstsein unter der arbeitenden und lernenden Jugend zu befördern, nicht nur als Phrase vor sich herzutragen, sondern in Jugendkämpfen auch umzusetzen, wurde u. a. bei der entstehenden Lehrlingsbewegung deutlich. (Die Lehrlingsbewegung hatte ihren Auftakt mit einer Demonstration im November 1968 in Hamburg und ihren Höhepunkt mit einer Demonstration im Juni 1969 in Köln.) Große Teile der Lehrlingsbewegung, die sich z. T. auch außerhalb der Gewerkschaftsjugenden herausgebildet hatte, sahen ihren Hauptgegner zunächst in den kleinen Handwerksmeistern, die die Lehrlinge als billige Arbeitskraft ausnutzten und unter gesetzlichem Schutz auch nicht davor halt machten, ihre Lehrlinge körperlich zu “züchtigen”.

Unter der Losung “Das Übel an der Wurzel packen – die Macht der Konzerne knacken”, mit Tribunalen gegen Großkapitalisten wie Abs, Krupp und Flick sowie der Forderung nach einer Ausbildungsverpflichtung für Großkonzerne lenkte die SDAJ den Blick jedoch auf die Hauptverantwortlichen für die elende Lage der Lehrlinge und auf die strukturbestimmende Kraft in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Im Rahmen dieser Agitations- und Propagandaarbeit konnte die SDAJ einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, in der Lehrlingsbewegung eine antimonopolitische Schlagrichtung zu verankern. (siehe: V. Achenbach, P. Katzer, Grundwissen für junge Sozialisten, 1980)

Wie nachhaltig dieser Einfluss ist, zeigt sich u. a. daran, dass die Forderung nach einer Ausbildungsverpflichtung bis heute zu den zentralen Forderungen der Gewerkschaftsjugenden und anderer Jugendverbände zählt. Das zeigt, dass die SDAJ noch heute von dem Impuls profitiert, der 1968 von ihrer Gründung ausging.

 

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