Erklärung der Deutschen Kommunistischen Partei zum 85. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion
Lasst nicht zu, dass sich der Wahnsinn wiederholt!
Vor 85 Jahren, am 22. Juni 1941, überfiel die faschistische Wehrmacht die Sowjetunion. Für die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ist dieses Datum von besonderer Bedeutung. Es steht für die unvorstellbaren Verbrechen, die an den Völkern der Sowjetunion begangen wurden, für mehr als 27 Millionen ermordete Sowjetbürger und die Zerstörung ganzer Landstriche im Auftrag des deutschen Monopolkapitals. Zu diesem Datum erinnern wir Kommunistinnen und Kommunisten aber auch an die Tapferkeit und Opferbereitschaft der Roten Armee sowie an die nicht einmal vier Jahre später vollbrachte historische Leistung der Sowjetsoldaten: die Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus.
Gerade in einer Zeit, in der die herrschenden Kreise in Politik, Wirtschaft und Medien erneut „Kriegstüchtigkeit“ einfordern, in der Russophobie und Militarismus erneut vorangetrieben werden und in der die Geschichte verdreht wird, um einen neuen großen Krieg gegen Russland vorzubereiten, muss die historische Wahrheit gegen die Kriegstreiber und Fälscher verteidigt werden.
Die bürgerlichen Kräfte in der Bundesrepublik kokettieren gerne mit ihrer vermeintlich vorbildlichen „Aufarbeitung“ des deutschen Faschismus. Dabei entkernen und instrumentalisieren sie den Antifaschismus, um ihre Hochrüstung und den reaktionär-militaristischen Umbau der Gesellschaft zu rechtfertigen. Vom umfangreichsten Verbrechen des deutschen Faschismus – dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion – schweigen sie regelmäßig.
Ein Völkermord
Nach wie vor muss der Geschichtsfälschung widersprochen werden, dass die Toten auf dem Gebiet der UdSSR als Kriegsopfer zu betrachten seien, wie sie bei jedem militärischen Konflikt zu beklagen sind. Der größere Teil der 27 Millionen Opfer waren Zivilpersonen, erschossen, erschlagen, verbrannt, verhungert, zu Tode gequält. Sie waren bestimmt zur Auslöschung, damit ihr Land im Anschluss frei werde zur Besiedelung durch angeblich wertvollere, sich arisch nennende Menschen. Der Krieg gegen die Sowjetunion hatte zweifelsfrei eliminatorischen Charakter und muss als Völkermord bezeichnet werden.
Die Triebfeder hinter diesem barbarischen Wahnsinn war der gewaltige Hunger des deutschen Monopolkapitals nach Rohstoffen, Agrarflächen und Arbeitssklaven. Die natürlichen Schätze sollten vor allem der deutschen Rüstungsproduktion zugeführt werden, Agrargüter in solchem Umfang geraubt werden, dass die einheimische Bevölkerung verhungern musste. Den Menschen in den besetzten Gebieten war vor allem die Rolle von Sklavenarbeitern zugedacht, deren baldiger Tod infolge unmenschlicher Arbeitsbedingungen bewusst eingeplant war. Der Vorstoß gegen die Sowjetunion bot dem deutschen Faschismus zugleich die Chance, den ideologischen Hauptfeind auf internationaler Ebene zu vernichten, der mit seinem sozialistischen Gesellschaftsaufbau die Fundamente der eigenen Ordnung in Frage stellte.
Eine Erinnerungskultur, die diesen Tatsachen Rechnung trägt, gibt es in Deutschland heute nicht. Es gibt keine zentrale Gedenkstätte für die Millionen ermordeter Sowjetbürger – und auf vielen Gedenkveranstaltungen nicht einmal mehr einen formelhaften Dank an die Befreier der Roten Armee. Im Gegenteil: Ihre Symbole, Lieder und Fahnen werden verboten. Ihre Denkmäler sollen verändert, „kontextualisiert“ oder gleich ganz geschliffen werden. Unter Zuhilfenahme der Totalitarismus-Doktrin wird die Sowjetunion nicht nur mit Nazideutschland gleichgesetzt, sondern sogar einer „Mitschuld“ am Zweiten Weltkrieg bezichtigt – indirekt, in den Reden der Kriegsertüchtiger, aber auch explizit und hochoffiziell wie in einer Entschließung des EU-Parlaments vom September 2019.
Geschichtsverdrehung entgegentreten
Dabei war es Josef Stalin, der schon ein Jahr, nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, auf dem XVII. Parteitag der KPdSU vor der Bedrohung durch den aufsteigenden Faschismus warnte. Zudem wurde an die Westmächte appelliert, gemeinsam mit der Sowjetunion dieser Gefahr zu begegnen. Aber die ausgestreckte Hand wurde nicht ergriffen. Britannien und Frankreich sendeten stattdessen lieber ermunternde Signale an Nazideutschland. Auch Jahre später hatte die Sowjetunion – trotz weiterer gegenteiliger Signale der Westmächte – noch nicht alle Hoffnungen auf ein Übereinkommen mit Britannien und Frankreich aufgegeben. Es wurde weiterverhandelt, und das so lange, bis auch die Sowjetführung erkennen musste, dass die Gespräche von der anderen Seite ohne den ernsthaften Willen geführt wurden, greifbare Ergebnisse zu erzielen.
Und so wurde am 24. August 1939 ein Nichtangriffsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR geschlossen. Die Empörung in den westlichen Hauptstädten war an Heuchelei schwer zu überbieten, hatte man doch alles getan, Nazideutschland zu ermutigen. Nun sah man sich der Gefahr gegenüber, im Zuge einer strategischen Neuorientierung der Reichsregierung selbst zum Angriffsziel zu werden. Der Sowjetunion hingegen war es mit einem klugen Schachzug gelungen, Zeit zu gewinnen für die Vorbereitung auf den deutschen Angriff. Das geheime Zusatzprotokoll, mit dem die Sowjetunion sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen Gebiete sicherte, die ihr 1921 im Vertrag von Riga abgepresst worden waren, steht besonders in der Kritik. Damit konnte die Sowjetunion allerdings ihre Grenze weiter nach Westen schieben und auch Raum zur Verteidigung gewinnen.
Dank den Befreiern
Allen geschichtsrevisionistischen Verdrehungen ist außerdem entgegenzuhalten, dass der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs in Stalingrad erkämpft wurde. Trotz der faschistischen Barbarei in der Sowjetunion, und trotz des enormen Blutzolls, den die Rote Armee für die Befreiung Deutschlands und Europas zahlen musste, war die politische Linie auf Seiten der Verteidiger im Großen Vaterländischen Krieg eindeutig: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.“ So formulierte es Stalin im Jahr 1942 und so wurde es – allen Vernichtungsabsichten der Faschisten zum Trotz – umgesetzt. Das deutsche Volk und die deutschen Kommunistinnen und Kommunisten danken den Befreiern.
Wenn die Frage gestellt wird, wie die Völker der Sowjetunion diesem Ansturm von Barbarei und Vernichtung standhalten konnten, so ist festzustellen, dass es der KPdSU und ihrer Führungsspitze gelungen ist, nahezu die gesamte sowjetische Bevölkerung, über 100 Völker, über Klassen und Schichten hinweg, zu einem Block des Widerstands zusammenzuschließen. Die Rote Armee war eine politische Armee, in deren einzelnen Einheiten Kommissare die ideologische Führung gewährleisteten und sich bei Kampfeinsätzen oft das Ansehen der Soldaten erwarben. Somit stand den Rotarmisten das Ziel ihres Kampfes, das heißt die Rettung ihrer Heimat vor der Vernichtung und die Befreiung der europäischen Völker vom Faschismus, klar vor Augen. Ebenso begriff sich die Zivilbevölkerung als kämpfend, zum Beispiel wenn sie Rüstungsbetriebe unter Aufbietung der letzten Kräfte demontierte und an anderen Orten außerhalb der feindlichen Reichweite wieder aufbaute.
Wer Berichte liest über das Grauen der Belagerung von Leningrad, wird verstehen, dass Lebens- und Kampfeswille im dort gezeigten Ausmaß nicht nur das Ergebnis von „Befehl und Gehorsam“ sein können. Nach der Oktoberrevolution hatten die Menschen in der Sowjetunion ein gewaltiges wirtschaftliches, soziales und kulturelles Aufbauwerk geleistet. Es gab also viel Selbstgeschaffenes zu verteidigen. Nicht vergessen werden dürfen auch die Partisaneneinheiten, die im Rücken des Feindes mit Unterstützung der Zivilbevölkerung operierten. Unter der Bezeichnung „Partisanenbekämpfung“ verübten Wehrmacht und SS immer wieder bestialische Massaker an Zivilisten. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle zahlreicher Frauen, die in der regulären Armee oder bei den Partisanen heldenhaft kämpften.
Russland ist nicht unser Feind
Es ist keine neue Erkenntnis, dass mit der Erinnerung – oder Nicht-Erinnerung – an bestimmte Kapitel der Geschichte auch Politik in der Gegenwart gemacht wird. Das Gedenken wird den Bedürfnissen der heute Herrschen angepasst. Dies geschieht inzwischen mit bemerkenswerter Offenheit, etwa wenn Außenminister Johann Wadephul (CDU) sagt: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben.“
Mit dieser Art von Wahnsinn hat unsere Nation ihre Erfahrungen gemacht. Wehrmacht und Waffen-SS begingen ihre Verbrechen zum Nutzen weniger Kriegsprofiteure und verwandelten damit letztlich auch Deutschland in ein Trümmerfeld und Massengrab. Der Hass gegen Russland, die Dämonisierung und Herabwürdigung der dort lebenden Menschen stellt in Deutschland eine ebenso langlebige wie brandgefährliche Tradition dar.
Zum 85. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion erinnert die Deutsche Kommunistische Partei an die Notwendigkeit, diese Tradition zu zerschlagen sowie Militarismus, Hochrüstung und der Dämonisierung Russlands entgegenzutreten.
Frieden mit Russland!
Stoppt die antikommunistische und russophobe Umschreibung der Geschichte!
Nieder mit der „Zeitenwende“, mit Wehrpflicht und Militarismus!
Keine neuen Mittelstreckenraketen!
Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!
